Mit Kleinem Grosses bewirken – Selbstreflexion und Achtsamkeit im Job

«Was du willst, das man dir tu, das füg auch deinen Mitarbeitenden zu.» Ich habe diese Redensart ein bisschen à la Angela abgewandelt, denn sie fasst ganz gut zusammen, was ich im Längeren hier ausführen möchte. Will sagen: Bewussteres Einrichten und Handeln in Büros könnte nicht nur Geld, sondern auch Nerven sparen.

Oft kursiert in vielen Unternehmen der Rotstift ziemlich rigoros, überall sollen Kosten eingespart werden, soviel wie möglich und wo immer es nur geht. Leider passiert dies wortwörtlich und buchstäblich nur zu oft auf Kosten der Mitarbeitenden. Denn wegen des Spardrucks rücken der arbeitsnehmende Mensch und sein Wohlbefinden in den Hintergrund. Zahlen, Umsätze, Verkäufe etc. – nur das ist wichtig. Die Mitarbeitenden müssen funktionieren und liefern wie gut geölte Maschinen.

Aber ganz ehrlich, wer bis heute noch nicht verstanden hat, dass zwischen den Kosten und den Mitarbeitenden sowie mit dem Umgang mit ihnen ein unmittelbarer kausaler Zusammenhang besteht – dem sag ich’s jetzt ganz direkt: Lies hier bitte unbedingt weiter oder melde ich am besten gleich direkt bei mir!

Für mich ist wichtig, dass wir endlich einsehen, dass das grosse Ganze und das «Sowohl-als-auch» die treibenden Kräfte hinter allem sind, nicht Neid, Missgunst und Konkurrenzgebaren. Diese führen auf die Dauer zum Stillstand, wenn nicht gar zur völligen Pleite. Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit steigen in vielen Unternehmen exponentiell zur Höhe von Kader-Positionen an. Das ist leider einfach so und eine bedauernswerte Schwäche unserer modernen Kultur. Kommt noch hinzu, dass Fehler-Eingestehen weithin als Schwäche ausgelegt wird, was doch – ganz ehrlich und laut gesagt – absoluter Bullshit ist. Menschen, die sich hinstellen können und sich selbst und anderen eingestehen, dass sie nicht perfekt sind, haben wahre Grösse. Nicht so wie all jene aufgeblasenen Gockel, die sich grossmäulig auf ihre weisse Weste berufen und sich brüsten, «fehlerfrei» zu sein, obwohl sich gerade bei denen die Leichen zu Dutzenden im Keller stapeln. Auf Dauer wird das wahre Wesen eines jeden Menschen entlarvt und durchschaut… Das ist ein ungeschriebenes Gesetz und oft nur eine Frage der Zeit.

Die Mitarbeitenden, die Menschen hinter den Jobbezeichnungen, lassen sich heute nicht mehr so einfach unterjochen wie früher. Sie wollen gesehen, beachtet, wahrgenommen werden. Es ist ihr gutes Recht. Es gibt so viele grandiose Menschen, die «nur» Mitarbeitende und nicht Chefs sein wollen, die liebend gerne Beta-Tierchen sind. Sie leisten in der zweiten Reihe oder hinter den Kulissen absolut Unglaubliches. Ohne diese wertvollen Mitarbeitenden ginge rein gar nichts, sie sind die treibenden Kräfte im Hintergrund, sie sind es, die die Firmen-Pyramide von unten her stützen. Doch sie lassen sich nicht mehr alles gefallen. Kommt es zu einem Mitarbeiterwechsel, kann dies ein Unternehmen schnell mal einen 6-stelligen Betrag kosten. Eine regelmässige oder übermässige Fluktuationsrate in einer Firma oder auch in einer bestimmten Abteilung zeigt es untrüglich an – auch wenn viele, die höhere Positionen bekleiden, dies nicht wahrhaben wollen: «Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken».

In so ziemlich allen Branchen und Mitarbeitenden schlummert immens viel brachliegendes Potential. Es liegt brach, weil ihre Arbeitgeber zu unflexibel oder auch schlichtweg zu unfähig sind, ihre Angestellten richtig zu führen oder ihnen Dinge ihren Fähigkeiten entsprechend zu delegieren. Ich hoffe für all diejenigen Menschen, dass sie sich wenigstens in der Freizeit voll entfalten können.

Doch wie könnte man dies ändern? Wo könnte man ansetzen, damit sich für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation ergeben kann? Nun, die grösste Herausforderung besteht darin, bei Führungskräften das Bewusstsein für ihre Mitarbeitenden zu wecken und dieses so weit zu entwickeln, dass sie ernsthaft und konstruktiv darüber nachdenken, wie sie mit ihren Mitarbeitenden umgehen. Wie sie sie führen sollten. Wie sie sie richtig führen sollten. Erst dieses neue Bewusstsein der Leader würde ein Vorwärtskommen möglich machen. Doch dieses Bewusstsein setzt ehrliche Selbstreflexion, ehrliche Spiegelung des eigenen Selbst und schlussendlich das Wahrnehmen und die Bereitschaft zum Durchbrechen von Mustern voraus.

Lasst mich hier anhand eines Beispiels aufzeigen, was ich mit oben Gesagtem meine:
Kürzlich hat mir jemand eine Absage für eine Bewerbung gezeigt. Bei der Lektüre blieb mir doch beinah die Luft weg. Es geht hier nicht darum, dass diese Person eine Absage erhalten hat. Das gibt es immer und überall und aus den unterschiedlichsten Gründen. Kein Thema! Auch ich habe in meinem Leben schon Absagen erhalten und welche verfasst. Diese oben erwähnte Absage aber las sich, als hätte sie ein verwöhnter, trotziger Rotzlöffel verfasst, der nicht bekommen hat, was er wollte. Es war der Bewerberin völlig klar, dass sie eine Quereinsteigerin wäre und somit gewisse Kompromisse und Abstreiche machten müsste, damit Arbeitgeber und Arbeitnehmende glücklich werden würden. In dieser Absage wurden jedoch Themen buchstäblich an den Haaren herbeigezogen und abwegige Kriterien als Absagegründe erwähnt, die beim Bewerbungsgespräch gar nicht oder nur am Rande gestreift worden waren. Dann kam ich zu derjenigen Stelle, an der mir klar wurde, dass hier gerade eine beleidigter, infantiler Erwachsener seine Wut zu Papier gebracht hatte: «Das bringt MIR nichts.» Richtig gelesen, das Wort «MIR» prangte da in Grossbuchstaben. Diese unprofessionelle Absage berührte die Empfängerin sehr, denn sie kam bei der verfassenden Person unter die Räder, ohne auch nur im Geringsten etwas dafür zu können. Den die Heftigkeit und die Wut in diesen Zeilen galten eigentlich gar nicht ihr. Damit möchte ich sagen: Jemand, der reflektiert und achtsam mit sich, den Mitarbeitenden und seinen Mitmenschen umgeht, würde niemals etwas Derartiges verfassen und abschicken.

Da stellt sich die Frage, wie man sich verhalten soll, wenn eine erwachsene Person vor einem steht, jedoch ihr Verhalten ganz offensichtlich kindlich und/oder unberechenbar ist. Komme ich da irgendwie weiter, wenn sich mein Vorgesetzter oder meine Chefin so verhält? Nicht, wenn ich loyal und fair bleiben will. Da bieten sich nur zwei Optionen: Entweder ich gehe selber oder – wenn diese Person sich unbewusst bedroht fühlt von mir, ein Thema, das sich seit ihrer Kindheit wiederholt – dann werde ich gegangen, sprich zum nächst möglichen Zeitpunkt entlassen. Und das Verrückte an der ganzen Sache ist, dass man als Vorgesetzte immer genau diejenige Art von Personen anziehen wird, die einen schon in der Kindheit enttäuscht oder getriggert haben.

Wenn ich hier schon mal am Ausfegen bin, möchte ich gerne auch noch gleich mit diesem Mythos aufräumen: Es gibt keine Work-Life-Balance. Punkt. Zwar gibt es eine Life-Balance, doch ist es so, dass wir immer und überall dieselben sind, egal, ob wir am Arbeiten oder als Privatpersonen unterwegs sind. Wer im Arbeitsalltag Kommunikation nicht zu seinen besonderen Stärken zählen kann, ist in der Regel auch in der Freizeit genauso wenig eloquent und schlagfertig. Falls da aber ein grosser Gegensatz aufklafft, dann lebt man da oder dort gegen sein Naturell. Das würde auch bedeuten, dass da jemand einen exorbitant grossen Kraftaufwand betreibt, der wiederum und viel öfter als man denkt in Erschöpfung oder – etwas moderner gesagt – im Burnout endet. Leider kann ich hier nicht auch noch auf die umfassende Thematik des Burnout eingehen, das würde den Rahmen dieses Blogbeitrags bei weitem sprengen, doch möchte ich sagen: Ein Burnout hat viel mehr damit zu tun, was in unserem privaten Familienfeld schon vorgefallen ist als mit der Arbeit an sich. Doch solange wir Symptombekämpfung einer Ursachenlösung vorziehen, stehen wir hier mit Lösungsansätzen reichlich im Schilf.

Falls sich jetzt jemand echauffiert und ernsthaft fragt, ob ich hier gerade sagen will, dass wir alle unfähig seien, Leader zu sein und eh alle eine total verkorkste Kindheit hatten und daher nichts gebacken kriegen… Nein. Will ich absolut nicht. Ich möchte jedoch, dass dir als Leser klar wird, dass man Verhaltensmuster erkennen kann und soll, damit man diese in einem weiteren Schritt durchbrechen oder auflösen kann. Vorgesetzte sollten dies nicht nur um der Mitarbeiter willen tun, sondern ihretwegen. Man soll dies also im Hinblick darauf tun, dass dank des neu gewonnenen Bewusstseins viel verhindert sprich verändert werden kann. Dass das Leben einfacher werden kann, dass man weniger getriggert wird, dass man dadurch auch Menschen besser verstehen kann. Dies soll jetzt nicht bedeuten, dass wir allesamt zu Mutter Teresa mutieren sollten. Businessdenken darf und soll nicht fehlen. Wenn man jedoch seiner Stärken und Schwächen entsprechend handelt, fallen einem geschäftliche Aktionen und Verhandlungen leichter. Durch den veränderten Blickwinkel lassen sich viel mehr Zusammenhänge erkennen.

So sollten wir uns auch bewusst machen, dass es scheinbar kleine Dinge sind wie zB. «Wo platziere ich meinen Mitarbeitenden bei einem Gespräch im Meetingraum?», die ein Gespräch wesentlich beeinflussen können. Übrigens: Diese ach so tollen Glasbauten haben den entscheidenden Nachteil, dass diejenige Person, die mit dem Rücken zur Scheibe sitzt – insbesondere, wenn diese bis zum Boden des Raumes geht – automatisch die schwächere Position innehat. Wo also kann ich meinen Mitarbeitenden platzieren, der fleissig und effizient wie Biene ist, jedoch massiv an seinem Können zweifelt? Mit dem Rücken zum Fenster? Nein, eben nicht. Da setze ich mich hin. Damit kann ich seinem Unterbewusstsein signalisieren: «Ohne dich bin ich auch nicht besser dran.» Auf Augenhöhe gehen, bitte. Ich könnte hier noch viele Beispiele aufzählen, wo ich in Büros betrete und sofort Dinge weiss wie zB. welche Mitarbeitende öfters Rückenschmerzen haben oder welcher Job die grösste Fluktuationsrate aufweist. Diese Dinge, die hier erwähnt habe, sind nur ein paar der vielen Dinge, die man bewusst und reflektiert tun kann, damit sich die Mitarbeitenden ernstgenommen und verstanden fühlen, um das Arbeitsklima zu verbessern oder auch das Selbstbewusstsein der Mitarbeitenden zu stärken. Und ist eine Sache noch so klein, sie kann trotzdem immens viel bewirken. Sobald man die Wichtigkeit dieser Dinge verstanden hat, will man nur noch so leben und agieren. Und das ist es, was ich wecken möchte: Geht reflektiert und achtsam mit euch und den Mitmenschen um, das erleichtert und vereinfacht das Sein und den Alltag.