Meine einzig wahre Liebe 😊

Dies ist die Geschichte meiner grössten Liebe. Sie ist nicht, was man vielleicht erwartet. Aber mal der Reihe nach.
Ich sass mit einem sehr guten Freund in einem Restaurant, mit dem ich mich von Zeit zu Zeit zum Mittagessen traf. Er stand am Beginn einer steilen Karriere, war frisch verheiratet, seine Familie gerade am Wachsen. So war die Zeit, die wir miteinander verbringen konnten, eher begrenzt. Das tat unserer Freundschaft jedoch keinen Abbruch, wir waren richtig gute Freunde (und sind es noch).

Alles so schrecklich vernünftig und logisch
Bei diesem Essen sprachen wir hauptsächlich über meine Situation. Ich sollte nämlich in wenigen Monaten heiraten. Ich erachtete eine Heirat nie als die Erfüllung meines Lebens, es war einfach irgendwie der nächste logische Schritt, insbesondere in meiner damaligen Situation. Es war so… so schrecklich vernünftig. Dabei vermisste mein riesiges, romantisches Herz viele kleine Dinge in dieser Beziehung, allem voran einen anständigen Heiratsantrag. Nicht einen pompösen Kniefall mit grossem Buhei, sondern einen von Herzen, einfach um mir zu zeigen, wie viel ich ihm bedeutete. Als ich ihm bat, bei meinem Vater offiziell um meine Hand anzuhalten, lachte er und ignorierte meinen Wunsch.

Krankheit als Beziehungsprobe
Ich muss wohl erst kurz erklären, wie es in unserer so Beziehung lief. Die ersten 2 ½ oder 3 Jahre lang waren wir echt glücklich miteinander, dann wurde mein Partner krank. Richtig krank. Für mich war das zwar keine Überraschung, aber trotzdem ein Schock. Besonders dann, als ich feststellen musste, wie unser Umfeld auf die neue Situation reagierte. Ich schätze, mir war noch nie so bewusst, dass verschiedene Kulturen tatsächlich verschiedene Kulturen sind und es auch bleiben, selbst wenn die Distanz nur wenige hundert Kilometer betrug. Während seiner Krankheit tat ich alles, was ich konnte, um meinen Partner auf alle erdenklichen Arten zu unterstützen. Und wir schafften es, wir meisterten diese Krise, auch als Paar. Nach gut zweieinhalb Jahren war er wieder fast völlig gesund.

Verloren beim Beistehen
Was niemand bemerkte (und ich am allerwenigsten): während dieser belastenden Zeit ging ich mir selber verloren. Einmal machten wir einen Entspannungsausflug nach Disneyland. Als ich später die dort geschossenen Bilder von mir betrachtete, war ich echt schockiert: Ich sah alt und müde aus, hatte keine Kraft mehr. Es gab da sogar den einen Moment in Disneyland, der mich meine gute Erziehung vergessen liess – und die vergesse ich wohlgemerkt so gut wie nie, besonders in Gesellschaft nicht. Ich erinnere mich an diesen einen Moment, als wäre es heute morgen gewesen, als mein Partner mir sagte, er wisse genau, wie ich mich fühlte. Ach, echt?! Er wusste, wie es mir ging, aber warum zum Teufel fühlte ich mich dann, als erhielte ich gar keine Unterstützung? Bye bye Contenance.

Wir planten also unsere Hochzeit, es wurden Einladungen verschickt. Nur an die Familien, ich lud keine Freunde ein. Einfach niemanden ausserhalb des engsten Kreises. Kein Freunde, nessuno, no one else. Damals war mir gar nicht bewusst, was das für mich bedeutete. Ich liebte meine Verwandten, klar, aber ich hatte doch zwei Familien, eine Bluts- und eine Herzfamilie. Und beide waren und sind mir gleichermassen wichtig.

Beim grünen Salat sah ich klar
Langer Rede kurzer Sinn: Es gab so viele Anzeichen, die mich merken lassen sollten, dass etwas ganz und gar nicht so war, wie ich es sein sollte, wie ich es mir doch eigentlich gewünscht hatte. Aber ich ignorierte sie allesamt. Einerseits war ich einfach müde, so furchtbar müde. Andererseits wollte ich alles richtig machen. Was also soviel bedeutete, dass ich alles genau so machen wollte, wie man es von mir erwartete – wer auch immer «man» war. Da sass ich also in diesem Restaurant und unterhielt mich mit meinen Freund, nicht wahrhabend, in welchem Zustand ich mich befand. Lustigerweise weiss ich noch genau, was ich gegessen habe, nämlich einen grünen Salat mit Erdbeeren und Mozzarella. Während des Essens vernahm dann ich die Worte, die mein Leben innerhalb einer Sekunde verändern sollten. Während ich also das Grünzeug auf meinem Teller betrachtete, sagte meine Freund: «Egal, was du tust, du wirst immer meine Schwester von anderen Eltern sein.»

Das war es! Mit diesen Worten war etwas in mir an seinen Platz gerutscht. Ganz tief innen hatte ich es immer schon gefühlt, war aber bis zu diesem Moment einfach nicht dazu bereit gewesen, mir selbst einzugestehen, was in meinem tiefsten Seelenteil offenbar bereits beschlossene Sache war.

Ein Entschluss aus tiefstem Herzen
«Ich werde nicht heiraten.» Nicht jetzt. Nicht später. Nicht diesen einen Mann. Nicht so. Und nicht in dieser Situation, vielleicht überhaupt nie. In genau diesem Moment wurde mir klar, dass ich alles stoppen musste. SOFORT. Später sagten mir viele Leute, wie mutig und stark ich gewesen sein musste, um zu tun, was ich dann tat. Einige vertrauten mir sogar an, sie hätten sich gewünscht, den Mut gehabt zu haben, ihre eigene Hochzeit abzusagen. Nun, es hatte rein gar nichts mit Stärke oder so zu tun. Es war nur die klare Erkenntnis, ein mich plötzlich erhellendes, inneres Wissen, dass ich mich völlig verlieren würde, wenn ich diese Heirat durchzöge. Ich gestand mir endlich ein, dass ich langsam, aber unabwendbar innerlich verwelken und absterben würde, wenn ich tat, was von mir erwartet wurde. Und diesen Preis wollte ich nicht bezahlen. Niemals. Dafür war ich mir selber zu wichtig.

Erdbeeren und Arschengel
Und da, genau da, bei an und für sich völlig unspektakulären Erdbeeren mit Mozzarella auf Grünfutter, begann meine wahre Liebesgeschichte! Das Tollste daran: Sie hatte ausschliesslich mit mir allein zu tun. Mein Partner, also mein heutiger Ex-Partner, hatte dabei den Part des sogenannten Arsch-Engels inne. Genau, richtig gelesen. Arsch-Engel. Lasst mich kurz erklären, warum dieser Begriff so passend ist. Unser Hirn betitelt einen Menschen als Blödian, Depp oder eben «Arsch», weil er uns nervt, uns an den Rand der Fassung bringt, enttäuscht oder verletzt. Und doch ist so ein Mensch wichtig für uns, daher ein «Engel». Weil er uns unabsichtlich dabei hilft, die Wahrheit über uns selber zu erkennen und uns den Weg zu mehr Glück, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zeigt. Ein Arsch-Engel lässt uns wachsen.

Würgereiz vor dem Babygeschäft
Ich fühlte ganz tief in mir drin, dass sich – dass ich – etwas ändern musste. Unverzüglich. Mein Herz wollte nämlich ganz woanders hin als mein Hirn. Mein Hirn belehrte mit erhobenem Zeigefinger: «Hör mal zu, Kleine. Als gutes Mädchen heiratest du, gründest eine Familie, erziehst ein Kind (mindestens eins, okay?!) und dann lebst du glücklich und zufrieden bis ans Ende deiner Tage.» Was für die einen die Erfüllung des Lebenstraums bedeutet, war mir ein einziger Graus. Nur zu gut erinnere ich mich an die Momente, als ich – ich muss damals in meinen Zwanzigern gewesen sein – meine Mutter vor jedem Kinderbekleidungsgeschäft sagen hörte: „Später werde ich hier mal Kleider für deine Kinder kaufen.“ Und jedes Mal, wenn sie das sagte, hätte ich mich am filmreif liebsten an Ort und Stelle übergeben. Warum das so war, konnte ich mir nicht erklären. Es war einfach so.

Allein, allein
Nachdem ich also meine Hochzeit abgeblasen hatte, nahm ich mir Zeit für mich. Ich dachte viel mehr darüber nach, was ich wirklich brauchte und horchte tief in mich hinein, was mein Herz wollte. Was ich wollte: eine Beziehung auf Augenhöhe. Erst mal mit mir selber und dann vielleicht später auch mit jemandem. Da war ich also. Allein. Und es war…
Nun, was soll ich sagen? Es war neu, beängstigend, fantastisch und schrecklich zugleich. Alles miteinander, abwechslungsweise und bunt durcheinander. Bis heute vermag ich nicht zu sagen, woher ich die Kraft für den Auszug aus der gemeinsamen Wohnung nahm und weiterzumachen. Ich war noch immer sehr erschöpft und müde. Und trotzdem war dies der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte. «Liebe dich selber, so fest es geht.» Warum? Ganz einfach: Ich wusste: «Wenn ich mich nicht selbst liebe, wer sonst wird oder kann es?» Klingt logisch, ist aber alles andere als einfach!

Ich buchte für mich eine Reise auf die Bahamas, wo man Delphinen schwimmen konnte. Das war eins der ersten Dinge, die ich als Neu-Single tat. Genau für die Zeit, in der ich heiraten und die Flitterwochen geniessen sollte. Auf dieser Reise kitzelten zwei besondere Momente die Lebensgeister in mir wieder wach. Ich muss sagen, das Universum hat einen echt brillanten Job gemacht und mich in die richtige Richtung geschickt.

Der erste dieser beiden unvergesslichen Moment war in Fort Lauderdale. Ich sass am Strand mit einem ungesunden, aber wahnsinnig guten Frühstück im Bauch, das der Seele gut tat – da klingelte mein Telefon. Mein Freund (Yep, genau der vom Restaurant!) rief an und fragte mich, ob ich okay sei. Ich verstand seine Frage absolut nicht. Er wusste doch, dass ich im Urlaub war. Als ich ihn fragte, was der wirkliche Grund für seinen Anruf sei, druckste er erst herum, bevor er schliesslich sagte: „Heute wäre doch dein Hochzeitstag.“

Komplett vergessen
Mein Hochzeitstag?! Wow, den hatte ich ja komplett vergessen! Für mich war das die totale Bestätigung, dass ich mit dem Abblasen der Hochzeit die richtige Entscheidung getroffen hatte. Spontan entschied ich mich dazu, diesen Tag zu einem besonderen Tag für mich zu machen. Zu einem mädchenhaft schönen, denn durch das Nichtheiraten hatte ich ziemlich viel Geld zur Verfügung. 😉

Die zweite, noch grössere Botschaft des Universums erreichte mich, als ich mit meiner Reisegruppe im Hotel auf Bimini ankam, wo ich für mich ein Einzelzimmer mit Meerblick gebucht hatte. Wir mussten kurz warten, wo ich mich in Gedanken verlor: «Wird dich jemand als so kostbar behandeln, wie du wirklich bist, wenn du nicht erst mal selber damit anfängst?» Ich sinnierte, während die Rezeptionistin begann, die Namen mit der Zimmerzuteilung zu verlesen. Ich hörte zwar meinen Namen, reagierte aber sehr langsam, denn mein ganzes Ich war gerade damit beschäftigt, zu grübeln und mich in diesen Ort zu verlieben. Plötzlich wurde mir bewusst, dass alle Teilnehmenden der Reisegruppe mich anguckten. Dann erst begriff ich, was ich gehört hatte: «Angela, du bekommst die Flitterwochen-Suite.» What?!

Ich und ich
Sollte ich mich jetzt darüber freuen? Wie sollte ich reagieren? Nach dem ersten Mini-Schock fand ich es einfach urkomisch. Und noch während ich lachte, dachte ich mit, dass ich diese Flitterwochen-Suite wirklich geniessen würde. Mit mir. Nur ich allein. Klingt nach einer ziemlich coolen Sache, was? Joa, stimmt schon, das klingt fantastisch – aber es braucht dann doch eine gehörige Portion Mut, sich seinem eigenen Ich zu stellen, sich so anzunehmen und sich zu lieben. Denn seien wir mal ehrlich:

Ich bin die Person, die mich am besten betrügen kann.

Ich bin die Person, die mich am meisten ausflippen lässt.

Ich bin die Person, die am gemeinsten zu mir sein kann.

Ich bin die Person, die mich am meisten lieben und hassen kann.

Das ist die Realität. Ist so.

Profi hin oder her
Da sass ich nun in dieser wunderbar romantischen Suite und fragte mich, wie ich mich selbst von ganzem Herzen lieben sollte. Ich wusste, dass da viele Dinge waren, an denen ich an mir gearbeitet hatte und noch arbeiten würde. Mir war ganz klar, dass die einzige Person, die Dinge lösen oder verändern konnte, ich selber war. Aber wie sie sich tatsächlich anfühlte, diese Selbstliebe, das war etwas völlig Neues für mich. Theoretisch war ich doch Profi. Ich wusste, dass mich niemand lieben konnte, wenn ich mich nicht zuerst selbst lieben lernte.

Mich zu lieben bedeutete auch, dass ich mir mein inneres Selbst öffnen musste. Klar, es ist eine tolle Sache, mich mit schönen Cremes zu verwöhnen oder mich mit Freunden zu treffen, die mich mögen oder mir mal selber ein Geschenk zu Weihnachten oder zum Geburtstag zu machen. Das alles sind zwar Dinge, die diesen Prozess unterstützen, doch bedeuten sie nicht die wahre, innere Liebe. Diese wohltuenden, duftenden Cremes unterstützen mich zwar dabei, meinen Körper, der ja ein Teil von mir ist, bewusst wahrzunehmen und zu berühren, denn oft vergessen wir, wie wichtig dieser Körper für uns Menschen ist, bis er mal wehtut oder streikt.

Die Sache mit der Selbstliebe
«Mich selbst lieben» – das ist für mich persönlich eine klare, reale Reflexion in allen Situationen meines Lebens. Ich bin stets Teil jeder Situation, auch wenn es nur darum geht, mir etwas zu sagen.
Oft sind es die einfachen Dinge, die vergessen gehen. Wann hast du, liebe Leserin, lieber Leser, das letzte Mal in einen Spiegel geschaut und zu dir selbst gesagt: „Guten Morgen, (hier kommt dein Name rein).“ In meinen Augen ist das ein echt hilfreiches Ritual, man kann es problemlos täglich vor dem Zähneputzen durchziehen. Was mich dabei auch noch interessieren würde: Hast du dieses Ritual schlichtweg vergessen oder hast du es gar nie erlernt?

Frage: Als wir als Kind mal total glücklich waren, weil wir etwas erreicht hatten, wer hat zu hören bekommen: «Wow, toll gemacht!», wer kriegte zu hören: «Joa, is ganz ok, aber jetzt ist genug.» oder noch schlimmer: «Na und, das ist doch keine grosse Sache.»? Und obwohl wir die lippenstiftigen Küsse der Tanten auf unseren Wangen verabscheuten, mussten hinhalten, nett und freundlich sein. Verweigerten wir den Kuss, dann hiess es: «Sei nicht so biestig.»

Selbstliebe bedeutet, einen gesunden Egoismus zu entwickeln. Heisst soviel: Wenn ich zu anderen einfach mal bewusst «Nein» sage, weil ich etwas einfach nicht will, dann ist das ein «Ja» zu mir. Und jahaa, das ist völlig in Ordnung! Ein gesunder Egoist mag nicht wie Pizza sein, die liebt schliesslich jeder. Und so war es. Je mehr ich mich um mich selbst kümmerte und es mir wurscht wurde, was andere von mir hielten, desto freier fühlte mich innerlich. Nein, das war alles andere als einfach! Vor allem dann nicht, wenn man bei seinen Freunden den Ruf der «Kummerkastenfreundin rund um die Uhr» hat. Bleibst du aber deinem Herzen treu und pfeifst dein Ego an, es soll sich mal aus dem Weg scheren, dann kannst es deutlich fühlen: Es ist nicht nur dein Recht, auf dich selber zu hören und dir Zeit für dich und deine Selbstliebe zu nehmen – du spürst, dass du das schlicht und einfach brauchst.

Es hört nie auf
Selbstliebe ist ein ständiger Lernprozess. Am Anfang ist es herausfordernd und man denkt, man würde nie ankommen. Aber je besser man sich selbst kennenlernt, desto einfacher fällt einem, sich selbst zu lieben. Die Momente, in denen man das Gefühl hat, die Verbindung zum Ich verloren zu haben, werden weniger und kürzer. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich diesen für mich lebenswichtigen Tritt in den Hintern bekommen habe, während – und das erheitert mich noch immer – ich auf einen grünen Salat mit Garnitur starrte. Vielleicht ist gerade meine Geschichte der Kick, den du brauchst, um damit anzufangen, dich selbst zu lieben. Diese Geschichte ist ein Teil des langen Weges zu meiner einen, einzigen Liebe. Zur Liebe zu MIR.