Ich bin dann mal am Sein
Bei der Anmeldung für die Blogparade war mir das Thema meines Beitrags bereits sonnenklar. In Gedanken tüftelte ich schon eifrig am Text herum, fädelte Gedanken wie Perlen aneinander, verwarf andere wieder. Und jetzt? Nun, jetzt gerade sitze ich mit einer Tasse duftenden Kaffees in der Hand auf den gepackten Umzugskisten in meinem alten Büro mitten im wuseligen Zürich. Mein ehemaliges Büro ist blank und leer – genau wie das Dokument, in dem eigentlich mein Text gespeichert sein sollte. Und trotzdem sitze ich einfach heiter da, spüre die Wärme des duftenden Kaffees – und bin. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte mich diese Situation komplett in den roten Drehzahlbereich gebracht. Womöglich wäre ich vor lauter Nervosität und mit düsteren Gedanken der Selbstzerfleischung um die eigene Achse rotiert und hätte mir die Fingernägel bis zum Nagelbett abgeknabbert. Und jetzt? Nichts. Ist halt so. Kommt aber gut.

Ruhig bleiben ist nicht gleich wurscht sein
Dass ich gerade so achtsam am Kaffee nippe und ruhig auf meinem Hintern sitze, bedeutet nicht, dass mir das Leben an selbigem vorbeigeht und ich Deadlines nur als nette Bitte erachte. Es bedeutet vielmehr, dass ich nun in der Lage bin, das bewusste Sein anzunehmen. Ich nehme also meine Kaffee-Auszeit ganz bewusst an, geniesse, fühle und spüre diese Pause mit jeder Faser meines Körpers. Wenn wir schon von Pausen reden: Es gibt ganz viele tolle Arten von Pausen. Denken wir mal an die Musik: da gibt ganze, halbe und Viertel-Pausen. Oder dann die kreative Pause, die Denkpause, die Mittagspause, die Unterrichtspause, die Sendepause, die Sommer- oder Winterpause, die Sprechpause, die Kontaktpause, die Überraschungsbesuchspause, die Sportpause, die Schokoladenfutterpause, die Schaffenspause, die Beziehungspause, die Lesepause, die Hach-was-ist-es-draussen-schön-Pause und natürlich noch ganz viele mehr.

Meine längste Pause
Als Kind der Höher-Schneller-Weiter-Gesellschaft dachte ich mir als Teenager oft, wie schade es doch sei, dass mich meine Eltern als Kind nicht mehr gepusht hatten. Damals, als es um meine Berufswahl ging, fielen Bemerkungen wie: «Sie ist genau wie ich: nicht dumm, aber leider faul.» Nun ja, da war durchaus was dran. Ich drücke es hier mal vorsichtig aus. Schulisch gesehen war ich eine Zeitlang eine einzige, wandelnde Pause. Die Institution Schule sowie das dort vermittelte Wissen haben mich schlichtweg nicht interessiert. Die Gründe dafür sind schnell gefunden: Menschlich gesehen empfand ich die Schule als reine Zumutung – vor allem, wenn ich die letzten drei Jahre und die darin involvierten Leerpersonen betrachtete. (Nein, das ist jetzt kein «Freudscher Vertipper», das hab ich ganz gewusst so geschrieben.) In besagter Zeit bekam ich erschreckend wenig vom Schulstoff mit – was sich im Übrigen auch in den Noten anschaulich niederschlug – dafür aber habe ich jede Menge fürs Leben gelernt: Ich habe Menschen und ihre Verhaltensweisen beobachtet, Konflikte gelöst und das Beziehungschaos anderer Menschen analysiert. Es zeigte sich, dass ich für die Gefühle und Probleme anderer Menschen äusserst feine Antennen besass. Das war auch genau die Zeit, in der ich für meine heutige Arbeit zu brennen begann.

Raum für mich
Aller Liebe zum Trotz: Ich kann und möchte Menschen nicht immer und überall um mich haben. Sehr früh schon stellte ich fest, dass ich viel Raum für mich selber brauchte und Verschnaufpausen von anderen Menschen nötig hatte. Denn schon Klein-Angela tickte ab und zu kurz aus und musste eine Zeitlang in Frieden gelassen werden. Ich brauchte diese Zeit einfach für mich, um mich zu sortieren und zur Ruhe zu kommen. Heute mehr denn je.
Nach Hause zu meinen Eltern ging ich übrigens immer gerne. Da war mein Pferd, das ich sehr liebte und all die vielen anderen Tiere. Sie verstanden mich ohne Worte. Und: Bei meinem Vater musste ich nicht reden, wenn ich nicht mochte. Das empfinde ich im Nachhinein als etwas sehr Wertvolles. Man liess mich sein. Und so sitze ich also jetzt hier in meinen leeren Büroräumlichkeiten, geniesse die Ruhe und drehe bedächtig meine noch nicht eingepackte Kaffeetasse in den Händen.

Jeder ist anders
Wir Menschen sind sehr individuell. Jede und jeder von uns braucht unterschiedlich oft und verschieden lange Pausen. Wenn also ein Mensch – egal welchen Alters – mal austickt, dann könnte es sehr gut sein, dass sein Akku leer, dass er völlig ausgebrannt ist und in diesem Moment einfach nicht mehr kann, in keiner Richtung. Anstatt ihn nun mit vielen Fragen zu bombardieren: Organisiert – oder offeriert zumindest – wertvolle Pausen. In meinem heutigen Leben haben Pausen deshalb einen sehr hohen Stellenwert und wenn ich spüre, dass es wieder nötig ist, sage ich laut und vernehmlich: «Ich nehme mir eine Pause.»
Oh, du hast bis hierhin gelesen. Das hat ganz offensichtlich zwei Gründe: Erstens habe ich meine Pause beendet, mich an den Computer gesetzt und meinen Text termingereicht abgeliefert. Und zweitens findest du meinen Text spannend genug, um ihn zu lesen. Das ehrt mich, danke. Auch wenn du womöglich denkst, dieser Text klinge reichlich nach Eso-Geschwurbel. Nun, nein. Seien wir ehrlich: Es ist doch so. Wir können nicht andauernd Höchstleistungen erbringen, stets druckreif sprechen, auf allen Hochzeiten tanzen, auf der Überholspur rasen und uns nie eine Atempause gönnen. Irgendwann macht man schlapp. Irgendwann ist die Luft raus. Dann ist man allerdings meistens gleich so auf den Felgen, dass es lange dauert, bis man wieder einigermassen ins Lot kommt. Genau diesen Zustand der inneren Leere, der totalen Erschöpfung, des Nicht-mehr-Könnens möchte ich vermeiden – und ernstgemeinte Bitte: Du solltest es auch. «Es gibt eine Zeit zum Ruhn und eine Zeit zum Tun.» Seit ich nach diesem alten, aber weisen Rat lebe, läuft bei mir alles besser. Es hat zwar seine Zeit gedauert, ihn auch in mein Privatleben zu implementieren. Denn hey, ich bin auch nur ein Mensch und je näher mir ein Thema ist, desto herausfordernder ist dessen Umsetzung. In diesem Sinne: Ich bin dann mal weg.