Happige Geschichten – Wie gehe ich damit um?

Bei meiner Arbeit mit Menschen erzählen mir Menschen Dinge. Persönliche. Intime. Ergreifende. Tief in der Seele vergrabene Geheimnisse, die während der Arbeit mit mir zum Vorschein kommen und derer wahren Tiefe sie sich oft gar nicht bewusst sind. Kürzlich wurde ich gefragt, wie ich denn damit zurechtkäme, dass ich solche Dinge nicht nur zu hören bekomme, sondern allem voran entsprechende oder ergänzende Bilder vor meinem inneren Auge sehe. Ob mich das nicht sehr belaste? Bei dieser Frage ging es besonders um diejenigen Geschichten, in denen es um körperlichen Missbrauch geht.

Ganz ehrlich? Bis zu diesem Moment hatte ich mir das für mich noch nie überlegt! Nö, echt nicht. Es gehört einfach zu mir, Punkt. Diese Bilder gehören zu mir. Ich höre meinen Kunden zu, ich bin da, denn es ist für mich absolut selbstverständlich, dass ich es tue. Ich höre zu, weil ich möchte, dass sie alles, wirklich restlos alles loslassen können, was sie zurückhält vom Leben, vom Glücklichsein.  Gerade deshalb stelle ich sehr gerne meine Fähigkeit, diese Dinge sichtbar machen zu können, zur Verfügung – auch, wenn es durchaus unangenehm sein kann, was ich sehe. Ich möchte, dass sie das alles loslassen und restlos neutralisieren können. Dabei bekomme ich – etwas salopp gesagt – reichlich übles Zeug zu sehen und zu hören. Mal laut, mal leise und stockend, mal nüchtern und sachlich. Interessanterweise hat mich dabei die Heftigkeit der mir anvertrauten Geschichten höchst selten irritiert oder gar umgehauen. Ich habe sie einfach angenommen und die aufkommenden Bilder betrachtet.

Anlässlich der Frage, die mir gestellt wurde – oder vielmehr wegen der Antwort, die ich auf diese Frage gegeben hatte – begann ich nachzudenken und mich ehrlich zu fragen: «Bin ich denn überhaupt «normal» oder total kaltherzig?» Nun, eins kann ich mit Sicherheit sagen: Kaltherzig bin ich nicht. Vielmehr benutze ich diese Informationen und Bilder, damit ich weiss, wo ich ansetzen muss. Darum sind sie für mich Hilfsmittel, die ich zu Rate ziehen kann und keine mich erschreckenden und schockierenden Bilder. Gerne möchte ich hier anhand eines Falles schildern, wie ich Menschen begleite und unterstütze. So wird vielleicht klar, warum ich tue, was und wie ich es tue.

Von allen verraten
Eine Dame, um die 50 Jahre alt, buchte ein Kennenlern-Gespräch mit mir. Sie erzählte mir, dass ihr das Leben immer und immer wieder sehr grosse Prüfungen auferlegt: Der frühe Tod der Mutter, der Verrat der Grossmutter in Form von «sie-jemandem-zum Spass-Überlassen». Dann der Vater, der sie wie eine Magd behandelte und schliesslich die Stiefmutter, die noch schlimmer war. Letztere beide haben sie um ihr Erbe und viel Geld betrogen. Sie berichtete auch, dass alle in ihren Umfeld wussten, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte, doch niemand hatte reagiert. Bei ihrem ersten Freund dachte sie, es sei die wahre Liebe, die sie in seinen Armen fände und dass seine Familie sie aus purer Zuneigung und Nächstenliebe so offen empfing. Später musste sie schmerzlich herausfinden, dass auch dessen Familie Geld für ihre «Versorgung» erhielten. Sowas prägt einen sehr.

Nach dieser harten Erkenntnis verschlechterte sich ihre Gesundheit. Ihr gesamtes System rebellierte, genauer gesagt, die Nieren – welche unter anderem für Beziehungen stehen – waren irgendwann völlig am Ende. Nachdem sie sich über Jahre hinweg ein wirklich gutes Leben aufgebaut, Erfolg im Beruf und den Mann fürs Leben gefunden hatte, war das wieder so ein Schlag. Bewundernswert finde ich, dass sie niemals resigniert, sondern immerzu nach Lösungen gesucht hat. Und diese, teils dank der Arbeit mit mir, auch gefunden hat. Ich gehe hier bewusst nicht auf Details ihrer Geschichte ein, die sind privat und sollen es auch bleiben. Jedoch kann ich euch glaubhaft versichern, dass sie vor allem in den ersten Lebensjahren eine Menge «Dreck» erleben musste.

Mit dieser happigen Vorgeschichte im Lebens-Rucksack buchte sie also unser Kennenlern-Gespräch, wie ich weiter oben bereits erwähnt habe. Übrigens, wer es noch nicht weiss: Dieses Kennenlern-Gespräch, das sind dreissig kostenlose Gesprächsminuten mit mir, die übrigens allen Kunden einmalig zustehen. Nach diesem Gespräch hat sie sich dafür entschieden, weiter mit mir zu arbeiten. Sie wollte aus all dem Erlebten heraus- und in ihr wahres Selbst hineinwachsen.

Gschpürsch mi? Äh, nein, danke.
Bei den Gesprächen mit meinen Kunden und über ihre Erlebnisse halte ich mich stets an gewisse Richtlinien. Ich presche zum Beispiel ganz bestimmt nicht gleich direkt auf die vermuteten Hauptthemen los, auch, wenn ich mir ziemlich schnell ziemlich sicher bin, was los ist. Der erste Schritt ist immer derselbe: Meine Kunden müssen (wieder) lernen – oder zulassen – sich selbst zu spüren. Sie sollen sich selber wieder bewusst wahrnehmen. Dabei wispere ich ihnen nicht beschwörend ins Ohr: «Gschpürsch mi? Fühlsch mi?». Das ist Quatsch, gell?! Nein, ich mache mit ihnen ganz pragmatische, alltagskompatible Übungen, mit denen sich meine Kunden sich selber wieder näherkommen. Stark vereinfacht gesagt, geht es darum, dass meine Kunden sich erstmal selber ein starkes Fundament aufbauen sollen. Basierend auf diesem gestärkten Untergrund kann man dann damit beginnen, Altes, Belastendes zu neutralisieren und immer mehr (wieder) eigene Stärke erlangen. Offene Wunden, die jahrelang vor sich hin geschwärt haben, sollen so sukzessive abgebaut werden und abheilen. Dieses Abbauen von offenen Wunden bedeutet, dass wir gemeinsam bestimmte Situationen betrachten und uns dabei aufgezeigt wird, warum Sachen passiert sind. Während dieses Prozesses stellen meine Kunden dabei sehr oft fest, dass gewisse Dinge oder Vorgänge gar nichts mit ihnen selbst zu tun haben. Leute, das ist eine absolute Schlüsselstelle! So immens wichtig! Nach dieser für sie echt unglaublich wertvollen Erkenntnis können sie damit anfangen, Vergangenes schrittweise und langsam aufzuarbeiten, zu neutralisieren und schlussendlich das Geschehene als Teil des grossen Ganzen zu akzeptieren.

Was dabei bei mir passiert. Und warum.
Ich komme auf den Anfang, auf die mir gestellte Frage zurück, die das alles hier erst ins Rollen gebracht hat: Was macht das Geschehene, das Gesehene mit mir? Wieder erzähle ich hier von dieser bestimmten Kundin. Während der Zeit, in der wir gemeinsam daran waren, eine für die Kundin passende Lösung zu erarbeiten, damit sie das Vergangene hinter sich und neutral ruhen lassen konnte – in dieser Zeit waren diese Bilder völlig weg. Ich bekam höchstens und auch nur, wenn es nötig war, die relevanten Sequenzen zugespielt. Ansonsten aber: Ruhe. Funkstille. Wie ich schon einmal erwähnt habe, benutze ich diese übermittelten Bilder für meine Arbeit. Dank ihnen kann ich meinen Kunden den richtigen Input an der richtigen Stelle geben und ihnen besser entsprechende Lösungsansätze anbieten. Ich muss sie nicht unnötig quälen und mit Fragen in ihrem Inneren herumstochern, sondern ich sehe buchstäblich, was meine Kunden belastet, was sie zurückhält, welche Gummibänder aus der Vergangenheit an ihnen haften und sie zurückhalten. Im Wissen, dass diese Bilder, so schlimm sie auch sein können, einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung – sagen wir doch: zur Befreiung – meiner Kunden liefern, kann ich sachlich und beruflich distanziert mit ihnen umgehen. Ich weiss, dass ich sie brauchen kann, um meinen Kunden eine professionelle, allumfassende Unterstützung anbieten zu können. So gesehen, bin ich sehr dankbar dafür, dass ich sie sehe. Darum lautet die Antwort auf die zentrale Frage dieses Beitrags: Nein, die Bilder belasten mich nicht.